Zu Gast beim ersten englischen Meister

Biathlon, Skispringen, Eishockey, Handball oder Curling. Das Jahr zweitausendachtzehn liegt in seinen letzten Zügen und die Liste der Möglichkeiten, sich die Zeit bis zum Wiederanpfiff von Volkssport #1 hierzulande zumindest halbwegs sinnvoll zu vertreiben ist lang, bietet sie jedoch keinen wirklichen Ersatz für selbigen. Kurzum, dem deutschen Fritz fällt zu Hause die Decke auf den Kopf. Gott sei es gedankt, dass es auf diesem Planeten Länder gibt, in denen der Begriff ''Winterpause'' auch nur eine Zusammensetzung zweier Substantive darstellt und so lockte Rainer nun mit unschlagbaren Flugangeboten auf die Insel. 
Beinahe routinemäßig verliefen einige Vorbereitungen auf die nächsten Tage, sollte dies auch bereits das vierte Mal binnen der letzten zwei Jahre sein, dass wir der Queen einen Besuch abstatten. Geschuldet der Tatsache, in der Vergangenheit aus Gründen des immer wiederkehrenden viel zu optimistischen Zeitmanagements vor einem Flug diesen immer wieder auf den letzten Drücker gerade so erreicht zu haben machte man sich diesmal unter Einberechnung eines mehr als ausreichenden Polsters auf den Weg zum Flughafen nach Berlin. Hätte ja an diesem Vormittag auch alles bestens geklappt. Wären da nicht die Mitfahrer, die kurzerhand noch über BlaBlaCar gefunden wurden, aber eine Stunde zu spät zum vereinbarten Treffpunkt in Karl-Marx-Stadt aufdribbelten und die Berliner S-Bahn-Betriebe, die uns dank Streckenbauarbeiten auf dem Weg nach Schönefeld einen dicken Strich durch die Rechnung machten. Naja, was soll ich sagen... drei Mal dürft ihr raten, wer am Ende wieder in Manier eines Usain Bolt und hechelnd wie Nachbars Lumpi sage und schreibe eine Minute vor Schließung des Gates als Letzter seinen Reisepass und sein Print-At-Home-Flugticket dem Officer an der Passkontrolle auf den Tresen knallt und buchstäblich in letzter Minute zu den anderen Reisebummis stieß, die schon im Begriff waren, die Boeing 737 zu entern. Irgendwann muss das Ganze mal schief gehen...
Ein bezauberndes Lächeln der Traumstewardess, die mich als letzten an Bord begrüßen durfte machte die letzten Stunden aber schneller vergessen als man BlaBlaCar sagen konnte und so konnte man endlich tiefenentspannt und voller Vorfreude auf Guiness, Fußball und English Breakfast in Richtung Manchester abheben. Angekommen auf englischem Terrain bestand die erste Amtshandlung darin, in den ersten Sainsbury-Express zu stürmen und im fairen Tauschgeschäft gegen ein paar Pfund, die vom letzten Mal hierzulande übriggeblieben waren, die ersten Cider zu erwerben, mit denen ich kurze Zeit später einen freudestrahlenden Mattke in der Ankunftshalle in Empfang nahm, der eine Viertelstunde später mit einem anderen Flug englischen Boden erreichte. Kommando Spaß war nun also vollzählig und man konnte loseiern, um seine Unterkunft in Ryder Brow zu suchen, die man dann, nachdem man in den falschen Zug gestiegen und auf einmal auf dem Weg in Richtung Huddersfield war, nach langem rumgeirre am Abend todmüde erreichte.
Um als kulturell interessiertes Wesen auf seine Kosten zu kommen planten wir kurzfristig, den nächsten, fussballfreien Tag mit einer Art Bildungsreise ins nahegelegene Chester sinnvoll zu füllen, das per Zug am frühen Vormittag angesteuert wurde. Historisch gesehen befand man sich nach einer knappen Fahrstunde durch die Prärie, in der zur Zeit der römischen Besatzung wichtigsten Stadt Englands. Als Außenposten des römischen Reiches verteidigte Chester zu dieser Zeit diesen Standort gegen die Kelten, die vom heutigen Wales aus Widerstand im erbitterten Kampf gegen Caesars Mannen leisteten. Um die kleine Geschichtsstunde an dieser Stelle zu beenden bleibt eigentlich nur hinzuzufügen, dass jedem historisch interessiertem, der mal in der Ecke unterwegs sein sollte ein Besuch nur zu empfehlen ist. Und jedem anderen eigentlich auch. Dieser Mix aus mittelalterlicher Architektur und den Überresten über zweitausend Jahre alter römischer Ruinen ist schon ziemlich geil und echt mal was anderes. Ausserdem hat die erste Pferderennbahn der Welt ihren Sitz vor den Toren der Stadt. Ein Haufen neuer Eindrücke begleitet uns dann am späten Abend also auf dem Weg zurück nach Manchester, wo man zur späten Stund', fündig geworden auf der Suche nach Nahrung den vom Pakistani um die Ecke zusammengemantschten Mindestfraß in seinen gierigen ostdeutschen Schlund entsorgte und danach direkt in die Koje fiel.


29.12.2018 / Preston North End - Aston Villa / Deepdale Stadium

Einige Stunden später krähte dann auch schon wieder der Hahn und man saß nach einem ausgefallenen Zug und damit verbundenen Sprinteinlagen durch Ryder Brow und das Zentrum von Manchester im Fernbus nach Preston. Die Lage unserer Unterkunft veranlasste zu einer ausgiebigen Wanderung in die Vorstadt, in der wir das Nachtlager bezogen und kurz darauf den Weg zum heutigen Spielort antraten. Die 2 Liter-Bombe Cider im Anschlag schlenderten wir auf das Gelände des ersten englischen Fussballmeisters. Im Areal, das ursprünglich als Bauernhof und Spielort für Rugby- und Cricketmannschaften diente liegt seit 1860 im Stadtteil Deepdale das gleichnamige Stadion von PNE. Die Ticketfrage löste man relativ schnell und konnte es sich, nun 20 Pfund leichter auf den blauen Sitzschalen der Haupttribüne bequem machen. Direkt neben Villas Gästepöbel. Zunächst galt eben diesem Haufen unsere Aufmerksamkeit, drohte die komplette Hintertortribüne mittlerweile aus allen Nähten zu platzen! Ganze 5.300 Gäste machten bereits vor Ankick der Partie ordentlich Alarm. Nicht schlecht. Auf dem Rasen gaben sich zwei mittelmäßig aufspielende Mannschaften aus dem Mittelfeld der Tabelle die Ehre. Das Spielfeld übrigens gilt als ältestes, ununterbrochen bespieltes Fußballfeld der Welt. Begleitet von den typischen Melodien englischer Fangesänge aus Richtung des Gästeanhangs (von der Heimseite aus konnte akustisch über das gesamte Spiel nichts vernommen werden) plätscherte das Spiel vor sich her, bis Villa in der 45.Minute den Führungstreffer erzielte und das Dach im Deepdale davon zu fliegen drohte. Ich persönlich habe eine solch perverse Jubelorgie selten erlebt und werde diese definitiv noch einige Zeit in Erinnerung behalten. Krank! Im zweiten Durchgang gelang Preston relativ schnell der Ausgleich, der sich, wie das leider häufig in England der Fall ist, etwas auf die Stimmung auswirkte und diese bis zum Schluss der Partie ein wenig abflachte, da sich die Protagonisten auf dem Grünen auch in den letzten Spielminuten im Jahr 2018 kein Bein mehr ausreissen wollten und somit den Endstand besiegelten. Dennoch gestalteten sich die Eindrücke dieses Nachmittags sehr positiv, nicht zuletzt dadurch, dass man auf dem Nachhauseweg 52 handgezählte Reisebusse bei ihrem Aufbruch zurück in die West Midlands begutachten konnte. Für englische Zweitligaverhältnisse definitiv beeindruckend!