Die Wiege des Vereinsfussballs

01.01.2019 / Sheffield F.C. - Stocksbridge Park Steels F.C. / Home of Football Stadium

Der Schädel dröhnte nicht schlecht, als gegen zehn der Wecker unseren Astralleib zum Aufstehen aus dem Bett zu animieren versuchte. Ist man doch erst vor gefühlt zehn Minuten in die Klappe gestolpert. Aus, das Ding und nochmal für ein paar Minuten rumgedreht. Schön weggekapselt lagen wir da, im versifften Mief unseres acht Quadratmeter-Airbnb und versuchten, den letzten Abend Revue passieren zu lassen. Langsam aber sicher flogen einige Fetzen der Erinnerung zurück ins Bewusstsein. Angefangen hat das Ganze nach langer Suche nach einer günstigen und unseren Verhältnissen entsprechenden Lokalität anscheinend in einem Pub, das mit Bierpreisen von £2,50 das Pint geworben, eindeutiger Spitzenreiter auf unserer Liste war. Wer sich natürlich wieder hat vollquatschen lassen und dem Kleingedruckten keine Aufmerksamkeit schenkend ne Minute später, den doppelten Preis bezahlt am Tresen saß, könnt ihr euch an dieser Stelle bestimmt denken, da dieses Angebot erst ab Mitternacht gelten sollte. Die Kanne gekrallt und ab auf die Tanzfläche. Keine Zeit, sich schon wieder über irgendetwas aufzuregen. War immerhin Silvester! Einige komische Blicke durften wir uns vom langweiligen, schnöde am Rande stehenden Statistenpublikum fangen, als wir zu zweit mit unseren Sneakern ordentlich anfingen, den Tanzboden zu schrubben. Ganz zur Freude des DJ's, der wohl bis zu unserem Erscheinen den Alleinunterhalter spielen durfte. Einige Gerstensäfte später schwang dann aber auch der Engländer die Hüfte und die Stimmung heiterte immer weiter auf. Wem man natürlich im weiteren Verlauf des Abends wieder auffiel, war ne Gruppe Fußballasis von Sheffield United. Die Combo, die man hätte mit deren Gesichtern, deren Kleidung und Verhalten eins zu eins im Film Hooligans als Akteure auftreten lassen können, erwischte man auch noch beim Koksen auf der Toilette und kam irgendwie zu einer Konversation. Der Draht zum Fußball wurde schnell gefunden und schwupps, war man einer von ihnen, hatte kurze Zeit später die nächste Soße in der Kralle und war einbezogen in die Abendplanung dieser partylustigen Tommys, die kurz nach Mitternacht (die Nase nicht nur von der Party voll hatte) und uns in den nächsten Club schleppte, in dem kurze Zeit später unsere Ärmel im schmandigen Mix aus Schnaps und Bier auf dem Tresen klebten. Die Fraktion Suff erfreute sich auf jeden Fall der knapp bekleideten Studentinnenschaft auf dem Floor, die zum Großteil das Bild in diesem Laden prägte. Im Zuge dieser Sinnesbenebelung fanden weitere Genussmittel den Weg in unsere Schandmäuler, bis dann an der Stelle doch dann doch irgendwo einige Erinnerungen auf der Strecke bleiben. Irgendwann gelüstete es dem Mob dann noch nach etwas essbarem und der Schunddöner um die Ecke versorgte uns zu Wucherpreisen mit einer mehr als minderwertigen Mahlzeit, die sich dann wohl Frühstück schimpfen musste, ehe man nach einer Odyssee von Nachhauseweg den Schlüssel nach etlichen Versuchen, das Schloss zu treffen, in selbiges hämmern zu können und sich auf allen vieren kriechend in sein Bett zu verfrachten. Nun gammelten diese traurigen Gestalten dort vor sich hin und fragten sich, was der Tag denn so mit sich bringen sollte. Ich denke, es gibt schlimmeres, als das neue Jahr direkt mit einem Besuch beim weltweit ersten Fußballverein einzuläuten. Völlig erstaunt der strahlenden Sonne und des wolkenlosen Himmels an diesem Morgen bewegten wir uns, immer noch Schlängellinien laufend in Richtung Central Station und in einen der wenigen Züge nach Dronfield, den geschichtsträchtigen Vorort, in dem der Sheffield Football Club beheimatet ist. Die zehn Minuten Fahrzeit teilten wir uns das Abteil mit der Auswärtsmeute von Leeds United auf dem Weg zu ihrem Auswärtsspiel nach Nottingham. Geschuldet der imensen versoffenen finanziellen Mittel in der vergangenen Nacht einigte man sich vor dem Fahrtantritt darauf, mal wieder Gebrauch vom Black-Ticket zu machen. Sind ja eh nur zwei Haltestellen. Den berühmten Strich durch die Rechnung machte uns dann aber zwei Minuten vor Ankunft doch noch der Schaffner, dem man zähneknirschend dann doch noch völlig übertriebene fünf Pfund in seine schmierigen Griffel drücken durfte. Am Haltepunkt Dronfield spuckte uns die Rumpel aus und die erstbeste Sitzmöglichkeit am Bahnsteig wurde genutzt, um den in Sheffield bei Kentucky's Hähnchen-Manne ergatterten Beutel voller ''Köstlichkeiten'' zu verdrücken und somit die nächste kulinarische Feinkost des neuen Jahres in unseren Wanst zu stopfen. ''Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich ganz viel Sport machen und mich gesund ernähren. Versprochen''. Bis zum Anpfiff auf dem grünen Rasen blieb uns noch eine halbe Stunde, in der wir bequem zum Estadio spazieren konnten. Wer sich von der Geburtsstätte des ersten Fußballclubs viel erhofft, den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen, denn das Home of Football Stadium ist nichts Weltbewegendes. Trotzdem kann sich dieser Fleck Fußballgeschichte durch ein paar nette Details rund um den Platz durchaus als besonders betiteln lassen. Relativ unscheinbar am Rand einer Bundesstraße erstreckt sich der in schwarz und rot gestrichene Bretterzaun, hinter dem man zunächst nur einen Fußballplatz erahnen kann. Gewissheit bringt dann aber doch das nicht zu übersehende, vor dem Eingang am Ende der hölzernen Fassade angebrachte Schild mit der Botschaft, dass man sich jetzt bei ''The worlds first football club'' befindet. Schon irgendwie mal wieder etwas besonderes. Sichtlich begeistert über unseren Visit zeigte sich auch der Ruheständler hinter der Scheibe des kleinen Kassenhäuschens am Eingang, der sich nach einem kurzen Plausch nicht allein über unsere Herkunft freute, sondern ebenso darüber, den ''German lads'' meiner Meinung nach etwas übertriebene acht Pfund aus der Klammen Geldbörse zu leiern. War immerhin nur die achte englische Spielklasse. Eine Eintrittskarte gab es dafür aber nicht. Sei's drum. Das verrostete Drehkreuz bat die Gentleman nun um Eintritt und gab quietschend nach, als wolle es uns sagen: ''Willkommen im ersten Ground in 2019 und Vorhang auf für 90 Minuten fußballerische Feinkost!'' Mit selbiger wird man hier sicher lediglich am Kiosk verwöhnt, wie sich später herausstellen sollte. Eisiger Wind begleitete die ersten Minuten der Partie, die sportlich nicht annähernd überzeugen konnte. Wäre auch eine Schande, von jungen Männern zum Neujahrestag gegenteiliges zu verlangen, ist hier wahrscheinlich die Hälfte der Mannschaft direkt aus dem Pub auf den Platz gestolpert. Der Ground selbst hielt noch ein- zwei nette Finessen parat. Die kleine, mit ein paar Stufen und Blechdach bestückte Stehtribüne auf Höhe der Mittellinie, höchstwahrscheinlich Marke Eigenbau, war dabei ganz nett anzusehen, ebenso wie die ellenlange daneben angebrachte Tafel, auf welcher namentlich die Mitglieder des Vereins aufgelistet standen. Die Sonne war mittlerweile hinter einer grauen Wolkenwand verschwunden und mit ihr verließen uns die Akteure auf dem Platz in Richtung Containerräumlichkeiten, in denen der heiße Pausentee auf die Mannen wartete. Spielstand übrigens 0:1. Zeit für uns, sich ebenso dem Kulinarischen zu widmen. Am Futterstand warteten echte Gaumenfreuden auf unsere Mägen. Meat pie und knusprige Fritten sollten die Halbzeitpause enorm aufwerten. Als Highlight der Mahlzeit bleibt dabei eine sehr geile hausgemachte Bärlauchsoße in Erinnerung. Nicht übel für Stadionverhältnisse. Die zweite Hälfte verbrachte man dann wohlgenährt auf der mit Sitzplätzen ausgestatteten Hintertortribüne, auf die man sich in erster Linie in Zuflucht vor des mittlerweile arktisch kalten Windes verkroch. Immerhin 389 Zuschauer zählte der Verein an diesem Montagnachmittag, die ein mittlerweile packendes Fußballspiel sahen und sogar den späten Sheffielder Ausgleich bejubeln konnten, dem die traditionell in rot und schwarz aufspielenden Gastgeber in den letzten Zügen des Spiels noch die Krone zum 2:1 Siegtreffer aufsetzen konnten. Mit dem Schlusspfiff mussten wir dann auch schon wieder, wie gewöhnlich, die Beine in die Hand nehmen und eine ganz sportliche Einheit einlegen, um den letzten Zug zurück nach Sheffield zu ergattern. Abschließend blieb uns im Bezug auf das Gesehene nur erneut zu sagen, einen sehr formidablen Tag im Unterhaus des englischen Fußballs erlebt zu haben.